Hand aufs Herz: eine kritische Selbstreflexion und Standortbestimmung

von Ricarda

Wie könnte man sie vergessen – die leergeräumten, fast schon geplünderten Supermarkt-Regale in den ersten Wochen des COVID-Lockdowns, die Abgabe bestimmter Produkte nur noch ‚in haushaltsüblichen Mengen‘ und die tage-, teils wochenlang nicht erhältlichen Waren, wozu auch scheinbar ganz banale Alltagsprodukte wie Nudeln, Tomatensoße und, zumindest in Deutschland, das berühmt gewordene Toilettenpapier gehörten. Gemüse- und Obstregale waren nicht erst zu fortgeschrittener Stunde völlig leergefegt. An einigen Regalen fand sich verschiedentlich der Hinweis ‚Zur Zeit nicht lieferbar‘.

Dies hat mich sehr nachdenklich gestimmt in Bezug auf meinen eigenen Konsum.

Ich habe realisiert,

  • wie selbstverständlich es für mich ist, immer Alles zu jeder Jahreszeit zur Verfügung zu haben;
  • wie stark ich bisher meine maximale Wahlfreiheit, jeden Tag das konsumieren zu können, worauf ich gerade Lust habe, über Fragen der Saisonalität und Regionalität gestellt habe. Was hierzulande aktuell Saison hat? Gute Frage!
  • wie global viele Produkte im Supermarkt sind – und gleichzeitig: wie verwundbar unsere weltweiten Lieferketten und mithin unsere Ernährungssicherheit sind.

Mit einem Mal wurde überdeutlich, wie fragil diese für mich so selbstverständliche maximale Wahlfreiheit eigentlich ist. In all den Jahrzehnten meines Lebens habe ich diese Situation nie wirklich hinterfragt. Und auf diese Weise habe ich mit meiner Unwissenheit und meinem Nicht-Hinterfragen direkt dazu beigetragen, dass es immer Alles zu jeder Jahreszeit zu kaufen gibt. Weil ich nicht nur stets das gekauft habe, worauf mir gerade der Appetit stand. Sondern unbewusst auch erwartet habe, immer Alles zur Auswahl zu haben, um die Freiheit zu haben, wählen zu können. Hieran bin ich seit jeher gewohnt.

Ein Leben im Vollsortiment – aber ohne Ernährungssouveränität

Seit ich die Situation der leeren Regale am Anfang des Lockdowns kennengelernt habe, erscheint mir mein früheres – und auch momentanes – Leben im Schlaraffenland des Supermarkt-Vollsortiments luxuriös, geradezu paradiesisch.

Aber: nach über 2 Jahren des aufmerksamen und kritischen Gangs durch die Regalreihen der Supermärkte wird mir immer deutlicher, dass ich nur eine scheinbare, vordergründige Wahlfreiheit habe – die sich auf die Produktpalette insgesamt bezieht. Welche Entscheidungsmöglichkeiten, welches Mitspracherecht aber habe ich als Konsument auf die Ursprünge, Herkunft, Veredelungs- und Verarbeitungsprozesse von einzelnen Produkten? Ganz oft: so gut wie keine.

Wusstest Du zum Beispiel, dass in Blumenkohl, Kohlrabi und Brokkoli mittel CMS-Verfahren Gene von Rettich eingeschleust werden? Durch diesen Eingriff in die Zellen werden die Pflanzen steril: so kann einheitliches und ‚schönes‘ Gemüse schneller gezüchtet werden. Unter natürlichen Bedingungen aber wären derartige Pflanzen nicht überlebensfähig. Eine Deklarationspflicht hierfür besteht nicht – schließlich handelt es sich nach der aktuellen Einschätzung ‚nur‘ um eine Gentechnik-nahe Züchtungsmethode. Seit Jahren kaufe ich also CMS-Gemüse, ohne davon zu wissen. Jetzt, wo ich es weiß, kann ich immerhin sagen: ich will es nicht. Alternativen werde ich im Supermarkt aber kaum finden – bin ich der Situation also hoffnungslos ausgeliefert, wenn ich nicht selbst anfange, Gemüse zu ziehen?

Zum Glück nicht.

Denn zum Glück gibt es Sabine und andere Bauern, die uns eine Wahl ermöglichen: indem sie Saatgut selbst produzieren, alte Obst-, Gemüse- und Haustierrassen züchten. Auf diese Weise lassen sie das Ideal einer Nahrungsproduktion der großen Vielfalt, kurzen Wege, Nachvollziehbarkeit und Nachverfolgbarkeit zur Realität werden. Und zwar für uns Konsumenten vor Ort und in nächster Nähe, nicht für einen globalen Adressatenkreis.

Sie überführen also das Prinzip der Ernährungssouveränität in die Praxis:

  • als Bauern sind sie souveräner, weil sie sich aus den Abhängigkeiten der wenigen, global agierenden Saatgutkonzerne befreien;
  • sie ermächtigen uns als Verbraucher, Herkunft und Verarbeitungsprozesse unserer Nahrungsmittel besser einschätzen zu können.

Wie gut, dass es sie gibt! Sie verdienen unsere Unterstützung – in jeder Hinsicht. Auch deshalb dieser Blog.